Verständigung in Japan
„Wie hast du dich verständigt? Auf Englisch?“ ist die am häufigsten gestellte Frage, wenn jemand hört, dass ich in Japan gewesen bin. Mit dem Englischen ist das allerdings so eine Sache. Ich stellte ziemlich schnell fest, dass es damit nicht weit her ist – egal ob jung oder alt, es ist eher selten, dass jemand gut Englisch sprechen kann. Am Anfang scheute ich mich, überhaupt zu fragen, aber nachdem ich keine Lust hatte, vergeblich in der Gegend herumzuirren, fing ich an, Passanten anzusprechen. Eigentlich funktionierte es ganz gut. Ich redete Englisch und der Gefragte antwortete auf Japanisch und irgendwie verstand man sich meistens. Gelegentlich kam es zu kuriosen Begebenheiten. Das Problem dabei waren nicht so sehr mangelnde Englischkenntnisse der Japaner, sondern ihre Hilfsbereitschaft und Höflichkeit. Besonders letztere Eigenschaft verbietet es ihnen, dass sie ihrem Gegenüber etwas Unangenehmes ins Gesicht sagen, wie etwa, dass sie nichts verstehen oder den Weg nicht kennen.


Nebenbei beobachteten wir das Geschehen auf dieser Prachtstraße mit breiten Bürgersteigen, großen, teuren, hell erleuchteten Geschäften, Bars, Restaurants und zahlreichen gut gekleideten Menschen. Doch sie endete jäh an einer großen, düsteren Kreuzung. Danach versank alles im trüben Dämmerlicht, denn die Straßenbeleuchtung war auf einmal nur noch dünn gesät, nur wenige Menschen unterwegs und die Verkehrsschilder wiesen auf Örtlichkeiten, die wir hier nicht vermuteten, da wir uns doch in der Nähe der Burg wähnten. Da kam ein junger Mann im schwarzen Anzug schnellen Schrittes daher und wir beschlossen, ihn zu fragen. Schon an seinem Blick sahen wir, dass es ihm gar nicht gefiel, angesprochen zu werden. Er sagte etliche Male abwehrend „sorry“ und wollte weitergehen, wir hatten jedoch schon unsere Karte hervorgezogen und hielten sie ihm unter die Nase. Da es sich um eine Touristenkarte handelte, waren alle Ortsbezeichnungen ausschließlich auf Englisch und in lateinischer Schrift. Er beugte sich über die Karte und schien sie intensiv zu studieren, aber man merkte an seinem verzweifelten Gesicht, dass er damit nichts anzufangen wusste. Schließlich drehte er sie auf den Kopf, deutete per Zufall auf unser Hotel und meinte, dass wir hier seien. Außerdem fügte er eifrig viele „sorries“ hinzu und machte sich schnell davon. Wir bedankten uns höflich, wohl wissend, dass dieser junge Mann keinen blassen Schimmer hatte und wahrscheinlich die europäischen Schriftzeichen nicht lesen konnte.


Dann sprach aus unserer Gruppe kurz entschlossen einen neben ihr stehenden Japaner an, den sie vorher nicht näher angeschaut hatte. Es handelte sich ganz offensichtlich um einen Obdachlosen: ungepflegt, kaum noch Zähne im Mund, struppige Haare, verschmutzte und zerrissene Kleidung. Er war so erstaunt, dass wir ausgerechnet ihn angesprochen hatten, dass er eine Weile brauchte, um sich von seiner Überraschung zu erholen. Dann zeigte er eifrig geradeaus und nach rechts. Ganz kapiert hatten wir das nicht, aber um der etwas peinlichen Situation zu entkommen, bedankten wir uns und gingen weiter. Er folgte uns, indem er sich mit einigen Metern Abstand links von uns hielt, um sicherzustellen, dass wir den richtigen Weg nahmen. Sobald wir eine falsche Bewegung machten, eilte er herbei und bedeutete uns, wie wir zu gehen hätten. Während wir uns etwas verfolgt vorkamen, schien er sich verpflichtet zu fühlen, dafür zu sorgen, dass wir unser Ziel auch erreichten. Er gab sich erst zufrieden, nachdem er uns zum richtigen Eingang gebracht hatte. Er verbeugte sich viele Male, nahm scheu lächelnd unseren Dank an und verschwand in der Dunkelheit.
Übrigens die einzige Begegnung mit einem ausnahmsweise hervorragend Englisch sprechenden Japaner war auf andere Weise kurios. Ich wollte in einem Supermarkt Onigiri – in Seetang eingewickelte Reishäppchen mit unterschiedlichen Füllungen – kaufen. Aber in diesem Laden waren keine Abbildungen auf der Verpackung, sodass ich nicht wusste, was sie enthielten. Ich sprach eine Japanerin auf Englisch an. Sie lächelte freundlich, überschüttete mich mit einem Wortschwall, drehte sich um und zog einen jungen Mann heran – offensichtlich ihr Sohn. Dieser fragte mich in fließendem Englisch und breitestem amerikanischen Akzent, wie er mir helfen könne. Ich erklärte es ihm, aber anscheinend war er mit japanischen Lebensmitteln so wenig vertraut, dass er jedes Mal erst ausführlich seine Mutter fragen musste, bevor er mir antworten konnte.
Fazit: keine Angst vor „sprachlosem“ Reisen in Japan, auch wenn man sich manchmal wirklich „lost in translation“ vorkommt, es funktioniert eigentlich immer irgendwie.
Nicola Götz
Möchten auch Sie das einmalige Japan kennenlernen? Erfahren Sie mehr: Rundreisen Japan!
Japan 15 Tage
Von Tokio, über Kyoto bis nach Osaka